Da sitzen also fünf Kommunikationswissenschaftler in einer Kneipe
gemeinsam am Tisch und schweigen sich gegenseitig an. Gelegentlich
nuckeln sie emotionslos an ihrem Bier, um dann postwendend wieder in der
kunterbunten Welt ihres Entertainment-Wunderkindes zu verschwinden.
Gespenstische Stille am Tisch, keiner hat dem anderen etwas zu sagen.
Warum auch? Das wahre Leben findet heutzutage online am Smartphone
statt.
Das Geschäft mit den elektronischen Außerirdischen boomt wie nie zuvor:
11,8 Millionen Smartphones wurden alleine 2011 in Deutschland verkauft.
Laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Hightech-Verbands
BITKOM besaß Ende des vergangenen Jahres jeder dritte Deutsche (34
Prozent) ein Smartphone. Bei den unter 30-Jährigen stieg der Besitz
sogar auf 51 % an. Tendenz steil ansteigend. Der Handel mit Smartphones
ist zum Milliardengeschäft geworden.
Auf die Vorteile der super-intelligenten Alleskönner wird ununterbrochen
verwiesen: Fotografieren kann man mit dem Smartphone, Videos drehen,
Musik abspielen, im Internet surfen und ach ja, nicht zu vergessen,
telefonieren kann man sogar auch noch. Unfassbar praktisch dieses Ding,
finden sie nicht auch?
Das Tragische an der ganzen Sachen ist nur: Während unsere Handys immer
smarter werden, weiß der Großteil der Handybesitzer nicht einmal mehr,
wie man selbstständig eine Banane öffnet. Handy an, Gehirn aus. Das
Denken übernimmt mittlerweile unser Smartphone, das Kochbuch,
Taschenrechner, Einkaufszettel, Fahrplan und Wörterbuch in einem ist.
Nein, es gibt noch keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass sich
Smartphones negativ auf unseren Intellekt auswirken. Aber es gibt
Indizien. Bei dem Spiel „Fruit Ninja“ etwa, einer Zusatzanwendung (App)
für das Smartphone, geht es darum, so viel Obst wie möglich in einer
bestimmten Zeit mit einem Ninja-Schwert zu zerteilen. Auch Bananen sind
dabei. Es soll Studenten geben, die während Vorlesungen stundenlang Obst
zerhacken.
Eines steht fest: Die Abhängigkeit vom Smartphone wächst von Tag zu Tag.
Niemand anderem schenken wir noch so viel Aufmerksamkeit und Nähe. Wir
wachen einen Meter neben unserem Smartphone auf. Wir tragen es den
ganzen Tag an unserem Körper und streicheln es alle paar Minuten, um
unseren Kommunikationsdurst online zu stillen. Wir blicken kurz vor dem
Einschlafen nicht mehr in Bücher, sondern auf den Bildschirm unseres
Allerliebsten. Was für eine romantische Liebesbeziehung.
Wenn junge Menschen heute einmal ohne ihr Smartphone in eine fremde
Stadt kommen, ist das ein tragisch-komischer Anblick. Beim Versuch sich
ohne GPS-System ihres Handys zu orientieren, irren sie pirouettenartig
so hilflos durch die Gegend, dass man sie spontan irgendwo zwischen
Ausdruckstanz und epileptischer Anfall einordnet.
Ende Mai hat die Bundesregierung den jährlichen Drogenbericht für
Deutschland herausgegeben. Rund 1,4 Millionen Menschen zeigen demnach
ein problematisches Internet-Nutzungsverhalten. Schade, dass der Bericht
nicht näher auf das Smartphone eingegangen ist. Wir haben uns in der
Kneipe nichts mehr zu sagen, Banalitäten stellen uns ohne Smartphone an
den Rand der Verzweiflung, wir werden immer orientierungsloser. Das
Smartphone ist zur Massendroge Nummer eins aufgestiegen in unserer
Gesellschaft. Zeit für eine Therapie. Mein Entzug beginnt heute – ich
mach’ für sieben Tage Schluss mit meinem Smartphone.
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