Sonntag, 26. April 2015

Dharavi: Indiens Labyrinth der Armut

Der Kino-Hit „Slumdog Millionaire“ machte Dharavi zum wohl bekanntesten Slum Indiens. Ich habe mir vor Ort in Mumbai ein Bild gemacht. Wie leben die Menschen? Wie sieht der Alltag im Slum aus? Und: Was loesen die Einblicke in eine Parallelwelt in mir aus?


Dharavi, im Herzen Mumbais. Heimat fuer eine Millionen Inder. Billige Blechhütten stapeln sich hier wundersam uebereinander wie bei einer russischen Matrojschka. Rahul, 22, der mich und vier andere Backpacker an diesem Morgen durch die Gassen führen wird, wohnt selbst seit seiner Kindheit im Slum. Er arbeitet dank seiner guten Englischkenntnisse für eine der anerkannten Organisationen, die Einblicke in den Slum gewaehren.

Rahul ist Student. Er arbeitet nebenbei hart, lernt fleißig Englisch. Er sagt: "Mein Traum ist es, Indien zu verlassen." - "Warum willst Du weg aus Indien?" - "Weil ich hier kein Geld machen kann. Hier habe ich keine Zukunft." - "Und wohin willst Du dann?" - "Ich will in Australien arbeiten. Deutschland wäre auch okay." 

Monatsgehalt in Dharavi: 70 bis 200 Euro.

Vor dem Eintritt in die Slums gibt es klare Anweisungen. Keine Fotos. Kameras verboten. Wir passieren die ersten mit Massen überfüllten Slum-Vorplätze. Hupende Autos und Motorraeder. Dazwischen Hunde, Esel und Hühner. Am Rand etliche Kleinhändler. Es scheint, als würde das Leben in Dharavi noch schneller rennen als in Mumbai-City.

Wir biegen ab in kleine Seitengassen. Der Slum entpuppt sich als ein wahres Labyrinth der Armut. Etliche Kinder turnen über die Straße, manche spielen Cricket mit abenteuerlichem Equipment. Frauen sitzen im Matsch der engen Gassen und waschen Kleider oder töpfern kleine Gegenstände. An jeder zweiten Ecke lässt uns Rahul in ein Haus blicken, in dem Handwerk gelebt wird. Ein kleiner Betrieb recycelt alle Plastikflaschen Mumbais und verarbeitet die Materialien weiter. Daraus entstehen am Ende oft Klamotten. 

Alles, wirklich alles, wird recycelt. Kartons und alte Autoteile; aus jedem erdenklichen Material wird irgendwie Geld gemacht. Geld, das die Bewohner dringend brauchen. Die Armut in Dharavi hat durchaus Zahlen. Die Miete für eine Hütte kostet rund 4000 Rupien pro Monat, 60 Euro. Ein normaler Arbeiter erhält jedoch meist nur zwischen 5000 - 15 000 Rupien (70-200 Euro)  Monatsgehalt. Viel bleibt für Lebensmittel und andere Dinge also nie übrig. Größere Einkäufe, Arztrechnungen sind kaum zu stemmen. Nur Wenige - wie der Besitzer einer florierenden Schneiderei - können sich auch mal etwas mehr leisten.

"Keiner der Arbeiter wird älter als 60"

Was einen mitnimmt, ist der Anblick der Männer, die unter unmenschlicher Hitze Aluminium gießen. Oder auch jene Arbeiter, die für die Textilbranche täglich mit hochgiftigen Chemikalien ihre Gesundheit zerstören: "Keiner dieser Arbeiter lebt länger als 60 Jahre", erklärt Rahul. 

Wir gehen weiter durch die engen Gassen. Vorbei an handgefertigten Ledergürteln und abgemagerten Katzen. Ein paar Sequenzen kann ich festhalten. Dann sagt Rahul plötzlich: "Hier jetzt bitte unbedingt alle Kameras in die Tasche! Keine Bilder!" Wir biegen um die Ecke und wissen sofort warum. Ein riesiger Platz voller Abfälle erscheint vor unseren Augen. Der Mülleimer eines ganzen Slums. Auf den Gipfeln der Müllberge spielen Kinder in zerfetzten Stoffen oder nackt, als befänden sie sich auf dem Spielplatz.Wir werden schnell weitergetrieben, wir sollen diesen Teil des Slums wohl nicht allzu lange sehen. Nur eine Ecke weiter werden wir in einen perfekt klimatisierten Laden geführt. Jetzt wird es touristisch, wir können Lederprodukte zum "special price" kaufen. Wollen wir aber nicht. Und ziehen schnell weiter.

Eine Toilette für 15 000 Menschen

Auf einem größeren Vorplatz zeigt uns Rahul die einzige private Toilette des Slums. Ein Wellhüttchen für die Notdurft der täglich rund 400 Besucher. Im Slum ist das ein wahrer Luxus. Auf 15 000 Menschen kommt hier durchschnittlich eine einzige Toilette. Zum Schluss der Slum-Tour stellt uns Rahul noch sein Zuhause und seine Familie vor. Seine kleine Schwester, nur einige Monate alt, lächelt uns schüchtern entgegen. Beim Anblick der fremden Kameralinse, versteckt sie sich hinter dem Rücken ihrer Mutter. Wir sagen den Eltern Rahuls Namaste und Goodbye. Sie verschwinden wieder hinter der Türe ihrer Wellblechhütte - und wir verlassen Mumbais ärmstes Viertel durch unzählige enge Gassen wieder.

Rahul setzt uns in den Zug Richtung Downtown und kehrt zurück zu seiner Familie. Ich stehe erschöpft und überhitzt an der offenen Türe des Zuges, als dieser Richtung Hoteldusche losrollt. Für die Bewohner des Slums ist die Wasserzufuhr stark begrenzt. Drei Stunden bleiben jeden Morgen, um die Fässer mit Wasser für den ganzen Tag zu füllen. Noch fließt das flüssige Gold, doch die Lage ist in manchen Regionen Indiens seit Jahren angespannt. Was passiert mit diesem Land, wenn das Wasser plötzlich nicht mehr fließt?

Die Gedanken sind frei

Ich spüre am Ende dieser fünf Stunden vor allem zwei Dinge - Müdigkeit und Leere. Die Armut tausender Menschen mit eigenen Augen zu sehen, macht nachdenklich. Sind diese Menschen glücklich? Kann man überhaupt dauerhaft glücklich sein, wenn man quasi keine gesellschaftlichen Aufstiegschancen hat? Was wird aus Rahul, diesem sympathischen jungen Mann, der davon träumt einmal als Event-Manager zu arbeiten? Wird sein Traum wahr oder muss auch er einmal in einer Fabrik des Slums Aluminium gießen bis zu seinem Tod? 




Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen