Sonntag, 3. Mai 2015

„Ibo, ich zeige Dir heute meine Stadt!“


Wie ein 21-Jaehriger meinen Glauben in Indiens Gastfreundschaft wiederherstellte

Wer auf Indiens Straßen nicht aufpasst, wird schneller ausgenommen als eine Weihnachtsgans. Wer sich den Indern trotz negativer Erfahrungen nicht verschließt, kann aber auch die andere Seite kennenlernen: Gastfreundschaft, die einen sprachlos macht. Die Geschichte einer Begegnung in Pune.

Pune. Rahul, 21, arbeitet montags bis samstags fuer eine IT-Firma. Zehn Stunden pro Tag, manchmal mehr. Fuer seinen Job nach seinem abgeschlossenen Bachelorstudium erhaelt Rahul taeglich rund 800 Rupien: 12 Euro. Damit kann man in Indien leben, aber ganz gewiss nicht reich werden.

Der Tag unserer Begegnung war fuer Rahul der erste freie Tag nach einer Woche harter Arbeit. Es war genau genommen der erste freie Tag nach einer Woche Nachtschicht. Vor einem Tempel in seiner Heimatstadt Pune sprach er mich an. Das ist in Indien nichts ungewoehnliches. Man wird auf der Strasse als Fremder staendig in Smalltalks verwickelt, nicht selten mit irgendeinem Verkaufsinteresse auf indischer Seite.

Ein Mann in Mumbai wollte 35 000 Rupien von mir

Mir wurde jedoch schnell klar, dass Rahul anders tickt. Sein Auftreten war schuechtern-authentisch, sein Englisch mehr als passabel. Nach einem kurzen Gespraech sagte Rahul ploetzlich zu mir: „Ibo, ich will Dir heute meine Stadt zeigen!“

Normalerweise haette ich so eine Offerte immer ausgeschlagen. Ein dubioser Mann in Mumbai hatte mich auf diese Weise erst eine Woche zuvor in ein angebliches Touristenbuero gezerrt, wo er mir dann eine indische Bahncard100 fuer 35 000 Rupien (500 Euro!) verkaufen wollte. Aber Rahul gab mir keinen Anlass ihm nicht zu trauen. Also folgte ich ihm.

„Du bist mein Gast, ich bin der Gastgeber. Ich zahle.“

Er fuehrte mich durch zwei Museen und am Nachmittag durch eine alte Festung, die einen herrlichen Park umrahmte, in dem ich Rahul sogar auf Video ueber seine Ansichten und Traeume interviewte. Das Verrueckte an der ganzen Sache war: Rahul bestand darauf, die Eintrittsgelder fuer mich zu zahlen. 300 Rupien haette ich zahlen muessen, rund 4,50 Euro. Fuer einen Westeuropaer also wirklich nicht die Welt. Aber was ich auch versuchte: Rahul wollte fuer mich bezahlen, er sagte ganz klar: „Du bist mein Gast, ich bin der Gastgeber. Ich zahle.“ Mir fehlten die Worte. Ich wusste ja, dass dieser Junge gerade mehr als ein Drittel seines Tageslohns fuer mich opferte, wusste das es fuer ihn viel Geld ist. Unfassbar.

Mir ist es hier schon oft passiert, dass Inder zunaechst freundlich waren und einem irgendwie helfen wollten – und am Ende mit der ausgestreckten Hand und der Bitte nach „20 Rupees, please“ den ganzen Moment der Gastfreundschaft zerstoerten. Dabei geht es ja gar nicht um das Geld an sich, es geht um die Botschaft dahinter, fuer ein bisschen Freundlichkeit immer auch eine Gegenleistung zu erwarten.

Bei Rahul war das alles anders. Rahul zeigte ehrliches Interesse an meiner Person. Rahuls Gastfreundschaft war schlichtweg ueberwaeltigend. Danke und hoffentlich bis bald in Deutschland, Rahul! 
 
Rahul (rechts) zeigte mir in Pune einen halben Tag lang seine Stadt - und gab fuer meine Eintrittsgelder ein Drittel seines Tageslohns aus.






Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen